Soziale Betreuung von Bewohnenden: 11 Tipps

Agnes 6.6.2019
Bewohneraktivierung-Titelbild

Die Soziale Betreuung in Pflegeheimen hat oft den Ruf, Bewohnende wie in Club-Ferien zu animieren. Auf den ersten Blick sehen Ballspiele oder eine Runde «Eile mit Weile» nach Vergnügen aus. Die Aktivierung von Senioren ist aber eine hoch komplexe Angelegenheit. Wenn es «spielend» aussieht, machen Betreuungskräfte einen guten Job. Petra Seewald von der Wohngemeinschaft für Senioren (WGfS) in Filderstadt bei Stuttgart erklärt unserer Pflegebetten-Herstellerin, der wissner-bosserhoff GmbH (Deutschland), worauf es beim Aktivieren ankommt und gibt Tipps für Branchenkollegen: 

  1. Langsam herantasten

    Um Senioren zu aktivieren, müssen Mitarbeitende den aktuellen Zustand und die Biografien der Bewohnenden kennen. Wer sitzt mir gegenüber, was können wir machen, wie hole ich den Mann oder die Frau ab – sind die ersten Aspekte beim Herantasten an den Menschen.

  2. Ungezwungen ausprobieren

    Danach folgt das Ausprobieren. In der Einzelbetreuung, die meist an Vormittagen angeboten wird, weil die Bewohnenden da wacher und fitter sind, testen Soziale Betreuer welche Aktivierungen gehen. «Dabei ist wichtig, herauszufinden, was der Senior gerne macht», sagt Seewald. Stimmung und Energie sollten ungezwungen sein. Nicht wie in der Schule, in der Aufgaben bearbeitet werden müssen. Das Gefühl gebraucht zu werden, Spass und Erfolg sind dafür Indikatoren.

  3. Einladen statt auffordern

    So können Betreuende mit dem Satz «Ich versorge heute die Blumen, wollen Sie mir dabei helfen?» die Bewohnenden einladen. Ein anderer, guter Ansatz ist, die Senioren zum Anleiten einzuladen: «Heute ist der Praktikant da, könnten Sie ihm zeigen, wie ein Hefezopf gebacken wird?»

  4. Vorlieben kennen

    Die Chancen steigen, wenn die Betreuung auf die Biografie des Bewohnenden zielt. «Wenn eine ältere Frau früher gerne im Garten Rosen gepflegt hat, wird sie vermutlich eher helfen, die Blumen im Wohnbereich zu versorgen», verdeutlicht Seewald, die auch Männerstammtische anbietet, an denen es «zünftig zugeht». So wie früher sonntags nach dem Gottesdienst im Wirtshaus. «Dazu laden wir die Söhne der Bewohner ein», so die Fachkraft.

  5. Gedächtnis trainieren

    Egal, ob Grünpflege, Kuchen backen oder Stammtisch – alle Aktivierungsaktionen dienen bei der Betreuung dazu, das Gedächtnis der Bewohnenden zu trainieren. Das geht unter anderem über Erinnerungsarbeit. So erzählen die Männer von früher, wenn sie am Tresen stehen. Etwa von lustigen Jass-Runden oder von der wütenden Ehefrau, die sonntags mit dem Braten Zuhause sass und auf ihren Mann wartete – während dieser in der «Dorfbeiz» lieber Bier trank.

  6. Basale Stimulation

    Wenn Seniorinnen erzählen, wie sie als junge Mädchen auf dem Bauernhof in der Küche halfen, kann gezielt gefragt werden, ob sie sich an den Duft von frisch gebackenem Brot erinnern. Oder welche Kräuter und Salze sie in den Teig gegeben haben. Geschieht dies, während im Pflegeheim ebenfalls gebacken wird, werden mehr Sinne angesprochen. «Die Erinnerungsarbeit wird über die basale Stimulation unterstützt», verdeutlicht Seewald.

  7. Abläufe moderieren

    Die Soziale Betreuerin der WGfS weist zudem darauf hin, dass in der Kommunikation nie gedrängt oder gemassregelt werden dürfe. Manche Bewohnenden können keine Zahlen mehr. Wer mit ihnen würfelt, sollte die Würfe moderieren: «Aha, jetzt haben Sie eine Vier gewürfelt, Frau Meyer.»

  8. 1x1 Wettbewerb

    «Bei geistig fitten Senioren ist das 1×1-Spielen eine fantastische Übung», findet Seewald. Denn Ältere mussten in der Grundschule Rechenübungen auswendig lernen und wurden vom Lehrer abgefragt. Diesen «Sport» mit Enkeln, Schülern, Praktikanten im Wettbewerb zu trainieren, komme gut an. Wie aus der Pistole geschossen können viele Senioren die Ergebnisse auswendig sagen. «Da haben Jugendliche das Nachsehen», lacht Seewald. Und der Applaus sowie das Lob berühre die Bewohner.

  9. Ausflüge organisieren

    Vor dem Hintergrund der Interaktion empfiehlt Frau Seewald, möglichst viele Ausflüge mit Senioren zu starten. Ins Eisenbahnmuseum, aufs Volksfest, zur Ritterburg, in die Gärtnerei und zu Gottesdiensten würde die Wohngemeinschaft die Bewohnenden chauffieren. Dabei komme es darauf an, einzelne Aktionen zu inszenieren. «Besuchen wir etwa mit 20 Bewohnenden eine Eisdiele, dann gehen wir mit jedem einzeln zur Eis-Theke», berichtet Seewald. Neben Auswahl und Bestellung sei es wichtig, dass die Senioren ihr Eis aktiv selbst bezahlen. Das erfreue die alten Menschen und sei besser, als passiv am Tisch zu sitzen und darauf zu warten, bis Kellner die Eis-Becher abstellen.

  10. Glücksmomente schaffen

    Schliesslich geht es darum, Glücksmomente zu schaffen, so Seewald. Auch wenn der Gelateria-Besuch binnen Minuten wieder vergessen sei, hat die Fachkraft beobachtet, dass der Augenblick des Bezahlens verstärkt Kindheitserinnerung wachrufe. «Die Leute wissen noch, wie sie als kleine Steppkes ihr erstes Eis gekauft haben. Diese Momente holen wir zurück.»

  11. Defizite abfedern

    Aktivierung sei dann wertvoll, wenn Defizite der Bewohnenden liebevoll aufgefangen würden. Das könne ein Tangolehrer sein, der mit einer Seniorin und ihrem Rollator tanzt. Oder ein Therapiehund, der am Bett eines Pflegebedürftigen auf Streicheleinheiten wartet. Auch meditative Cranio-Sakral-Behandlungen, Druckmassagen oder ein spezielles Krafttraining würden den Bewohnenden helfen, das eigene Körpergefühl wieder und besser wahrzunehmen.

Vielen Dank an Frau Seewald und die wissner-bosserhoff GmbH für diese interessanten Einblicke und wertvollen Tipps.

 

-> Haben Sie selbst Erfahrungen, die Sie mit uns teilen möchten? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge.

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